Gendern oder nicht gendern? Teil II

Das fragen wir uns immer öfter. Denn die Schlacht um das generische Maskulinum tobt – auch in Unternehmensmagazinen. Nachdem wir letzte Woche darüber gesprochen haben, was für geschlechtneutrale Sprache spricht, beleuchten wir heute die Argumente dagegen.

Setzt sich das Gendering durch, gibt es bald keine Mitarbeitermagazine und Kundenzeitschriften mehr. Auch Patientenbroschüren, Ostfriesenwitze und Lehrerzimmer werden aussterben. Branchenmedien wie „Journalist“ oder „Pressesprecher“ werden aufhören zu existieren. Der „Kicker“ natürlich auch.

„Was für ein Quatsch!“ werden die Verfechter*innen der geschlechtergerechten Sprache nun sagen. „Mitarbeitermagazine bleiben doch in der Sache bestehen, auch wenn sie künftig Beschäftigtenmagazine heißen.“ Es gibt doch einen Unterschied zwischen Begriff und Gegenstand. Und damit hätten sie sogar recht.

Symbol und Sache
Das Problem ist nur: Genau diesen Unterschied zwischen Symbol und Sache, zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem negieren die Sachwalter*innen des Gendering ständig. Sie machen das grammatische Geschlecht abhängig vom biologischen, so als ob beide ein und dasselbe wären. Dabei sind Staubsauger oder Drucker nicht deswegen männlich, weil Staubsaugen und Drucken rein männliche Tätigkeiten wären. Sondern schlicht deshalb, weil im Deutschen viele Substantive gebildet werden, indem man Verben die Endung „er“ anhängt. Das betrifft nicht nur menschliche Mitarbeiter, sondern auch Locher, Bohrer und Entsafter.

Natürlich beeinflusst die Sprache das Denken. Aber wie stark Grammatik an dieser Prägung beteiligt ist, lässt sich nicht leicht beziffern. Das Türkische etwa kennt weder Genus noch Anapher (er, sie, es). In türkischsprachigen Medien gibt es also nichts zu gendern. Trotzdem ist fraglich, ob sie schon deswegen der Gleichberechtigung der Geschlechter besser das Wort reden.

Hässlich und langsam
Partizipien und Passivkonstruktionen, Unterstriche, Sternchen und Doppelnennungen machen Texte hässlich, langsam und unverständlich. Warum sollte man – um einer rein grammatischen Gerechtigkeit willen – solche Nebenwirkungen in Kauf nehmen? Wer ändern will, dass Frauen in vielen Unternehmen immer noch schlechter bezahlt und langsamer befördert werden als Männer, der sollte an der Sache ansetzen. Und nicht bei den Worten.

Über den Autor

Michael Aust

Wörter wie Mukoviszidose und Pädiatrische Hämatologie gehen Michael flüssig über die Lippen. Seit mehr als zehn Jahren schreibt er inzwischen über Gesundheitsthemen – und hat sich dabei eine Menge Medizinerwissen angeeignet. Trotzdem: Wenn beim Schreiben aus einer losen Wörtersammlung eine Geschichte entsteht, ist Michael doch froh, nicht Arzt sondern Redakteur geworden zu sein.

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