Gendern: Was Unternehmen jetzt darüber wissen sollten

Es ist die neue Gretchenfrage der Unternehmenskommunikation: Wie hältst du’s mit dem Gendern? Die Frage polarisiert, sollte sich aber jedes Unternehmen ernsthaft stellen.

Drei Ärzte gehen nach Schichtende zusammen in die Kneipe. Einer winkt dem Wirt, bestellt drei Bier und wird gleich unterbrochen: „Stop, ich kann momentan nicht trinken, ich bin schwanger.“ Waren Sie kurz irritiert? Dann geht es Ihnen wie den meisten Leuten. Studien belegen: Ist von Ärzten, Juristen, Piloten oder Studenten die Rede, erscheinen vor unserem inneren Auge in der Regel Männer.

Dabei sind wir es längst gewöhnt, Frauen am OP-Tisch, auf dem Richterstuhl, im Cockpit oder in Hörsälen zu sehen. Unsere Gesellschaft ist diverser geworden. Frauen können Rollen einnehmen, die früher Männern vorbehalten waren. Menschen, die sich nicht dem binären Geschlechtersystem – männlich oder weiblich – zugehörig fühlen, können sich das dritte Geschlecht im Pass eintragen lassen. Männer können Männer heiraten oder Frauen Frauen. Auch unsere Sprache muss sich dieser neuen Realität anpassen. Das versucht das Gendern.

Da der gesellschaftliche Wandel nicht am Werkstor oder in der Lobby endet, gilt auch für Unternehmen: Am Gendern führt heute nichts mehr vorbei. Doch viele Firmen scheuen die Auseinandersetzung – aus Angst, sie könne intern spalten. Dabei kann man das Gendern auch angehen, ohne dass es gleich zur großen Stolperfalle wird.

1. Gendern ernstnehmen
Man kann nicht nicht gendern. Auch weiterhin das generische Maskulinum zu nutzen – egal ob bewusst oder unbewusst –, hat eine Wirkung. Positionierung ist daher Pflicht. Ob man erstmal nur die Entwicklungen beobachtet, auf eine Beidnennung von männlicher und weiblicher Form setzt oder direkt Sonderformen wie das Gendersternchen oder das Binnen-I verwendet, sollte man von den Werten, der Kultur, den Stakeholdern und der Zielgruppe des eigenen Unternehmens abhängig machen.

2. Gendern als moving target-Projekt sehen
Der Weg zu einer gendergerechten Sprache ist ein (Lern-)Prozess und sollte auch als solcher gestaltet werden. Von oben Leitlinien vorgeben, führ nicht zum Ziel. Das Motto lautet: Lasst uns die Diskussion führen, gemeinsam ausprobieren und sehen, wo es uns hinführt.

3. Schrittweise vorgehen
Statt verschiedene Baustellen gleichzeitig aufzumachen lieber mit einzelnen „Kommunikations-Inseln“ beginnen und Erfahrungen sammeln. Zum Beispiel erstmal nur in einzelnen Medien der internen oder externen Kommunikation gendern.

4. Organisationsstrukturen aufbauen
Gendern braucht als Projekt feste Verantwortliche. Am besten ein eigenes Team, das für alle Mitarbeitenden sichtbar und ansprechbar ist, mit eigener Agenda, Zeittafel und Teilprojekten. Außerdem: vorhandene Netzwerke nutzen. Also beispielsweise mit LGBTQ+-Gruppen oder Frauennetzwerken kooperieren.

5. Richtig framen
Das Projekt als „Diversity-Projekt“ labeln statt als Genderprojekt. Denn im Gegensatz zum Gendern polarisiert Diversity nicht, sondern findet breite Zustimmung.

Auch wir haben lange über’s Gendern gesprochen – nicht nur intern, sondern auch mit Expert:innen aus Sprachwissenschaft, Kommunikationsberatung und Unternehmen. Was wir dabei gelernt haben, gibt’s im neuen ZE-Podcast „Federführend“ zu hören. Für Anregungen, wie man schön, leserlich und gendergerecht schreibt und spricht, empfehlen wir die Ratgeberseiten www.genderleicht.de oder www.geschicktgendern.de..

Foto: call-me-fred/Unsplash

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