Zukunft und Vergangenheit

Über die neue Perspektive von Mitarbeiter-Magazinen.

Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Kinder, die heute zur Welt kommen, werden 100 Jahre oder älter. Die Länder, die heute Emerging Markets sind, bestimmen schon in wenigen Jahren die Geschicke der Weltwirtschaft. Europa und die USA sind dann Nebenschauplätze. 76 Prozent der Deutschen sind in sozialen Netzwerken organisiert. Und täglich werden es mehr.

Drei von vielen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die Gegenwart und Zukunft der Unternehmen hierzulande massiv beeinflussen. Maschinenbau, Chemie, Automobil, Finanzdienstleistung oder Handel – Unternehmen aller Branchen sind von Megatrends wie dem demographischen Wandel, dem Shift to Asia oder der digitalen Revolution betroffen.

Warum reden Sie eigentlich nicht darüber, zumindest nicht mit ihren Mitarbeitern? Warum sind nur die Analystenpräsentationen, die Geschäftsberichte oder Nachhaltigkeitsberichte angereichert mit einem Blick auf das politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Umfeld?
Es ist ein seltsames Phänomen: In Fukushima zerstört ein Tsunami ein Atomkraftwerk, in Arabien bricht sich eine unglaubliche Demokratie-Bewegung Bahn, in Europa stehen Staaten am Rande des Ruins – aber wer in die aktuelle Ausgabe des Mitarbeitermagazins blickt, liest von alldem so gut wie nichts, allenfalls das Interview mit einem Mitarbeiter, der von vor Ort berichtet, dass er und die Kollegen wohlauf sind.

Während die Welt sich in eine andere Richtung dreht, halten es viele interne Medien wie eine Lokalredaktion: Sie erzählen, was „im Dorf“ so passiert, berichten von Veranstaltungen, weisen auf Veranstaltungen hin, porträtieren mal diesen, mal jenen. Die Welt des Unternehmens wird in der internen Kommunikation künstlich klein gehalten. So erhält das neue Effizienzprogramm eine Doppelseite. Zur strukturellen Marktkrise, wegen der dieses Programm überhaupt notwendig wird, kein Wort.
Diese Praxis ist ein Relikt aus einer Zeit, da die Mitarbeiterzeitschrift oder –zeitung noch einen anderen Zweck hatte als heute. Sie sollte informieren und sie sollte Identifikation stiften. Also wurde soviel wie möglich über das geschrieben, was im Unternehmen so passiert. Das hält die Mitarbeiter auf dem Laufenden und es schafft Bindung. Aus dieser Perspektive heraus war es richtig, dass die Internen Kommunikatoren quasi als Lokaljournalisten agierten. Aber nun sind auch politische und Wirtschaftsjournalisten gefragt. Die Unternehmen verändern sich in immer kürzeren Rhythmen grundlegend, und die Gründe dafür liegen in neun von zehn Fällen außerhalb des Unternehmens, in politischen, volks- oder weltwirtschaftlichen oder eben gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Diese Zusammenhänge zu erklären, ist heute Aufgabe einer Mitarbeiter-Publikation.

Das bringt auch einen neuen zeitlichen Horizont mit sich. Der lokaljournalistische Blick geht zwei, drei Wochen zurück und zwei, drei Wochen voraus. Wer umfassende unternehmerische Veränderungen erklären will, die durch große globale Trends getrieben werden, der muss den Bogen weiter spannen, Historie bedienen und weitere Zukunft vorstellbar machen. Mitabeiter-Magazin gestern war Gegenwarts-Berichterstattung. Heute geht es darum, Zukunft und Vergangenheit zusammen zu bringen.

Teaserbild: Photo by Blair Fraser on Unsplash

Über den Autor

Lutz Zimmermann

Vom kleinen Dachstudio ins Großraumbüro in Ehrenfeld – seit Lutz die Agentur 2011 gegründet hat, ist aus seinem Zwei-Mann-Unternehmen eine 12-köpfige Agentur geworden. Was sich in all der Zeit nicht geändert hat, ist Lutz Liebe für flache Hierarchien und griffige Überschriften. Und wenn der 1. FC Köln nicht gerade verloren hat, ist er jederzeit für einen Plausch über Sport zu haben.

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