Das Telegramm ist Geschichte

150 Jahre lang wurden in Deutschland Telegramme verschickt – trotz SMS, Mails und Messenger-Apps. Nun wurde der erste Kurznachrichtendienst abgeschaltet.

Das Aus kam bereits lange vor Silvester. Den empirischen Beleg dafür lieferte eine einfache Google-Suche. Wer im November 2022 das Wort „Telegramm“ in das Suchfeld tippte, erhielt 5.900.000 Treffer. Beim englischen Suchbegriff „telegram“ – also mit nur einem „m“ – waren es über 2.200.000.000. Diese Trefferflut hatte jedoch nur sehr wenig mit klassischen Telegrammen zu tun, also jenen Nachrichten auf Papier, die viele nur aus alten Filmen kennen, sondern mit dem gleichnamigen Messenger-Dienst.

Der bei Verschwörungsanhängern beliebte WhatsApp-Konkurrent hat einfach den Namen eines Mediums gekapert, mit dem der weltweite und schnelle Nachrichtenaustausch im Jahr 1844 begann. Ein Fall von sprachkultureller Aneignung? Vielleicht sollten vor dem Aussterben bedrohte Begriffe der Kommunikationskultur wie Fernsehen, faxen, Telefonzelle, Kartentelefon oder Briefmarke von einer Institution wie der UNESCO als Weltspracherbe einen besonderen Schutzstatus erhalten?

13 Millionen Telegramme in Deutschland

Auch wenn der Telegram-Messenger allein durch seinen Namen behauptet, der legitime Erbe des Telegramms zu sein, ist der in Russland entwickelte Dienst nur sein Sargnagel. Und der wurde von der Deutschen Post fast still und leise in die hölzerne Kiste gerammt. Am 28. Dezember 2022 berichtetet das Verbraucherportal Paketda, dass die Deutsche Post den Dienst drei Tage später beenden wird. Sieht so das Ende eines Mediums aus, das von der Welt vergessen und in einem künstlichen Koma gehalten wurde und dem nun der Strom abgeschaltet wird?

Telegramme haben über den Verlauf von Kriegen entschieden. Durch Nachrichten, die auf Unterseekabeln in Form von Strom-Impulsen von Kontinent zu Kontinent rasten, wurde die Welt erst in unserem heutigen Sinne global. Telegramme haben Geschehnisse begleitet, wie den Untergang der Titanic: „WE HAVE STRUCK AN ICE BERG“ heißt es in einem erhalten geblieben Nachricht vom 14. April 1912.

Beeindruckende 13 Millionen Telegramme wurden 1978 noch in Deutschland verschickt. Dann ging es bergab. 1979 wurde die Fernkopie, das Telefax, offiziell in Deutschland eingeführt. Spätestens mit dem Aufkommen von SMS in den 1990er Jahren hatten Kurznachrichten ein praktischeres Medium gefunden. Bei 12,57 Euro für maximal 160 Zeichen verfing auch die Argumentation nicht mehr, beim Telegramm handele es sich um das Medium für eine „unvergessliche Nachricht für den besonderen Anlass“. So war es noch bis Ende 2022 auf der Website der Deutschen Post zu lesen.

Stilles Ende mit Schmuckblatt

Ja, es schmerzt ein wenig, wenn man bis vor wenigen Wochen die Telegramm-Webseite der Deutschen Post anwählte und gefragt wurde: „Welches Schmuckblatt darf es sein?“ Beim Mini- oder Maxi-Telegramm mit Schmuckblatt hatten Kunden die Wahl zwischen den Motiven „Sektgläser“, „Blumen“, „Muffin mit Kerze“, „Sprung“ und „Trauer“. Was soll man sagen, es war ein visuelles Feuerwerk, das die fotoverliebte Boomer-Generation blind verstand. Leider haben aber auch die Silver und Golden Ager längst lieber Mails oder WhatsApp-Nachrichten geschrieben. Und das sogar bei besonderen Anlässen. 2018 hatte die Deutsche Post bereits den Versand von Telegrammen ins Ausland eingestellt. Dennoch harrte sie innerhalb Deutschlands weiter aus wie ein Fels in der Brandung des Zeitgeists: Als eines der wenigen Postunternehmen weltweit bot es noch Telegramme an, auch wenn nur noch 200 bis 300 pro Monat versendet wurden.

Man soll nie schlecht über Verstorbene sprechen, aber es darf festgehalten werden: In der späten Schmuckbild-Ära war das Telegramm kein Medium mehr von weltpolitischem Gehalt. Der Versuch mit zuprostenden Sektgläsern an den Erfolg von Emojis anzuknüpfen, war mutig, kam aber zu spät. Immerhin hat die Ankündigung vom Ende des Dienstes am 28. Dezember noch einmal ein Strohfeuer der Begeisterung entfacht. Wie die Post in einer nachgereichten Pressemitteilung am 4. Januar 2023 erklärte, wurden am 31. Dezember noch einmal 3.228 Telegramme verschickt.

Fotos: © Deutsche Post AG; © Museumsstiftung Post- und Telekommunikation

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Lothar Schmidt

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