Sorry, mein Fehler!

Keiner redet gerne über seine Fehler, schon gar nicht im Job. Dabei ist eine offene Fehlerkultur in Unternehmen der Schlüssel zum Erfolg. Und die Interne Kommunikation kann entscheidend zum Kulturwandel beitragen.

2016 veröffentlicht Johannes Haushofer, damals Professor an der amerikanischen Elite-Universität Princeton, seinen Lebenslauf auf Facebook und Twitter – und wird damit in wenigen Stunden zum Internetphänomen. Denn sein Lebenslauf ist ungewöhnlich. Statt Erfolge und Leistungen, listet Haushofer Rückschläge und Misserfolge auf: die Unis, die ihn abgelehnt haben, die Jobs, bei denen er nicht genommen wurde, die Stipendien, die er nicht bekam. Mit seinem „CV of failure“ – seinem Lebenslauf des Scheiterns – trifft er einen Nerv der Zeit. Scheitern ist sexy, über eigene Fehler zu sprechen ist hip. Finanzminister Christian Lindner erzählt auf „Fuckupnights“ wie er sein Startup an die Wand gefahren hat, Uli Hoeneß spricht in öffentlichen Interviews von seiner Steuerhinterziehung als „Riesenfehler“ und in den USA feiern Gründer schon seit Jahren ihre Misserfolge auf sogenannten „Failure Parties“.

Durch die Veränderungen in der Arbeitswelt, dem Aufkommen von „New Work“-Konzepten wie agilem Arbeiten oder Remote Work, boomt der Begriff „offene Fehlerkultur“ auch in Unternehmen seit einigen Jahren. Und die Corona-Pandemie wirkte noch einmal als Beschleuniger. Arbeitsprozesse ins Homeoffice verlagern, Teams aus der Ferne führen, Mitarbeitende in Kurzarbeit schicken – fast alle Unternehmen mussten plötzlich in einen Trial-and-Error-Modus schalten: ausprobieren, Fehler machen, Maßnahmen anpassen. Der ideale Zeitpunkt also, um offene Fehlerkultur einmal richtig zu leben! Trotzdem gelingt das nur den wenigsten Unternehmen. Worauf es ankommt? Unter anderem auf eine Interne Kommunikation, die Aufmerksamkeit schafft, Aufklärung betreibt und mit den richtigen Worten die richtigen Geschichten erzählt. Wie das geht, haben wir in fünf Punkten zusammengefasst.

1. „Safe Spaces schaffen“. Ein gewisser Perfektionismus steckt in uns allen. Über eigene Fehler zu reden, kostet also immer Überwindung und ist Übungssache. Leichter wird es, wenn Räume geschaffen werden, in denen eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht und offen, ohne Wertung über Fehler gesprochen werden kann. Das können Gruppenseminare zu speziellen Themen sein, Plattformen wie interne Medien oder Veranstaltungen wie firmeninterne „Fuckupnights“.

2. Es fängt bei banalen Dingen an. Auch anekdotisch oder humoristisch über das „kleine Scheitern im Alltag“ zu reden, zum Beispiel einen falsch herum angezogenen Pullover oder den Löffel Salz statt Zucker im Frühstückskaffee, kann ein Umdenken befördern. Es geht darum Vertrauen aufzubauen, auf Augenhöhe zu kommunizieren, sowie das Reden über Fehler und Scheitern generell zu enttabuisieren und positiv umzudeuten.

3. Führungskräfte und Vorstände müssen vorangehen. Der Wandel hin zu einer offenen Fehlerkultur funktioniert nur top-down. Die Interne Kommunikation kann Führungskräfte gezielt anregen und anleiten, wie man in seinem Team die richtige Atmosphäre für offene Fehlerkultur schafft. Führungskräfte, die den Mut haben, über eigene Fehler zu berichten, bringen den Stein ins Rollen. Vor allem solche Führungskräfte, die nicht aus jeder Story eine Heldenstory machen.

4. Eine neue Kultur braucht eine neue Sprache. Und eine neue Haltung in der Internen Kommunikation. Ja, man darf auch Wörter wie „Problem“ oder „Fehler“ benutzen, man muss nicht immer nur von „Herausforderungen“ oder „Challenges“ schreiben. Und nein, nicht jede Story in internen Medien muss eine Erfolgsstory sein. Mitarbeitende wissen, dass es auch Fragen gibt, auf die das Unternehmen noch keine Antwort hat.

5. Planung und Umsetzung. Der Weg hin zur konstruktiven Fehlerkultur ist ein langer, ihn in der internen Kommunikation zu befördern, erfordert langfristige Planung und disziplinierte Umsetzung. Mal hier eine Story über ein gescheitertes Projekt oder über Fehlerkultur an sich, genügt nicht. Besser: Feste Formate einführen – zum Beispiel die Kolumne „Aus diesem Fehler habe ich gelernt“ – und diese immer wieder bespielen.

Woher stammt überhaupt die Idee der „offenen Fehlerkultur“? Warum passieren weniger Flugunfälle, wenn der Pilot seiner Crew erzählt, dass er seinen Pullover falsch herum angezogen hat? Und was hat gutes Fehlermanagement damit zu tun, dass Mercedes auf einmal Plüschelche verteilt? Diese Fragen zu Fehlerkultur beantworten wir in Folge 7 unseres Podcast „Federführend“. Mit dabei sind Arbeitspsychologe und Pionier der Fehlerkultur-Forschung Michael Frese und Ralf Kemmer, Mitinitiator- und -organisator der „Fuckup Nights Berlin“, sowie Unternehmensberater zu offener Fehlerkultur.

Foto: Unsplash - Ian Kim

Über den Autor

Carolin Diel

Reportagen, Features, Interviews – Carolin ist Journalistin mit der Lizenz zum Storytelling. Als Volontärin über Themen von Gesundheit bis Wirtschaft. Immer im Fokus: die Sprache, die aus einem guten Thema erst ein lesenswertes macht.

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